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Durchlauchter Erbprinz
Geschätzte Frauen und Herren Abgeordnete Geschätzte Mitglieder der Fürstlichen Regierung Meine Damen und Herren
Zum zweiten Mal darf ich Sie in dieser Legislaturperiode begrüssen und die Eröffnungssitzung der Volksvertretung im Jahr 2010 leiten.
Wer oder was ist Liechtenstein?
Rhein, Rüfen, Föhn - Peter Kaiser und Josef Gabriel Rheinberger - Fürst und Volk – Bettlerjoch, Gapfahl, Gritsch und Guschg, Lawena, Valorsch und Valüna, Gafadura, Sareis und Sücca - Käsknöpfle und Törkarebl - Suser, Kretzer Most und Marc – Fasnachtsküachle, Funkazunft und Guggamusik – Gipfelkreuz und Bildstöckle - Fronleichnamsprozession, Fürstenfest und Heiliggeistamt – Irisblüten und Distelfink - faszinierende Landschaft im Tal und im Bergraum, wertvoller Schutzwald – Mars von Gutenberg, St. Mamerten Kapelle, römisches Kastell beim St. Peter – Unterland und Oberland - Operetten-Bühnen, Theater am Kirchplatz, Küefer-Martis-Huus und Schlösslekeller.
Vertraute Namen für Orte, Menschen, Brauchtum, Traditionen, Geschichte und Kultur aus Liechtenstein, die einen wichtigen Platz in unserem Leben einnehmen und die für uns Heimat bedeuten.
Mit unserem Land verbinden wir natürlich auch Begriffe wie Rechtsstaat – industrielle Entwicklung – Wirtschaftsstandort – Finanzplatz – Wettbewerbsfähigkeit – Dienstleistungsstaat – Lebensqualität – Fleiss – Ausdauer - Wohlstand – Sicherheit – Integration - Generationenvertrag – Kulturerbe - natürliche Vielfalt und intakte Landschaft – Nachhaltigkeit – Mobilitätsmanagement – Umweltverträglichkeit - humanitäre Zusammenarbeit – internationale Solidarität.
Das alles und noch verschiedenes mehr machen unser Land zu dem, was es heute ist. Das Bewusstsein über die historischen Entwicklungen und Veränderungen sowie unser Denken und Handeln in Bezug auf die grossen aktuellen Herausforderungen sind massgebend für die Bildung und Stärkung unserer Identität und Souveränität.
Es ist sehr wichtig, dass wir uns für die gemeinsamen Werte, die dahinter stehen, auch in Zukunft einsetzen, um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und den sozialen Frieden nicht zu gefährden.
Durchlaucht, Frauen und Herren Abgeordnete, Herr Regierungschef Tschütscher, Herr Vize-Regierungschef Meyer, Frau Regierungsrätin Frick, Frau Regierungsrätin Müssner, Herr Regierungsrat Quaderer,
liebe Bewohnerinnen und Bewohner von Balzers, Triesen, Triesenberg, Vaduz, Schaan, Planken, Eschen-Nendeln, Mauren-Schaanwald, Gamprin-Bendern, Schellenberg und Ruggell.
Wer oder was ist Liechtenstein? Wir alle sind Liechtenstein, alle Einwohnerinnen und Einwohner bilden unsere Gesellschaft.
Unser gemeinsames Ziel muss es ein, Liechtenstein als Heimat, als möglichst intakter Lebens- und Wirtschaftsraum für unsere Kinder, Enkel und Urenkel zu erhalten. Und dies ist eine gemeinsame Aufgabe, dass wir uns um die Grundlagen unseres Staates kümmern und uns bemühen, unser Land gemäss den gemeinsamen Werten zu erhalten und weiter zu entwickeln.
Viele Menschen engagieren sich in unserer Zivilgesellschaft für das Gemeinwohl, in ganz verschiedenen Positionen; das Zusammenleben in Liechtenstein ist auch auf die Freiwilligenarbeit angewiesen, die von vielen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern geleistet wird, in Gemeinde-Kommissionen und Arbeitsgruppen des Landes, in Jugend- und Sportvereinen, in kulturellen Vereinigungen und Musikvereinen, in den Parteien und in Nichtregierungs-Organisationen für die Erhaltung von Gesundheit und Sicherheit sowie für den Natur- und Umweltschutz.
Landtag und Regierung, die Behörden auf Landes- und Gemeindeebene sind ebenfalls dem Gemeinwohl verpflichtet. Unsere Aufgabe als Politikerinnen und Politiker ist es, diese Verantwortung parteiübergreifend wahrzunehmen. Wie in der Vergangenheit sind wir dabei auf die Unterstützung und das Verständnis unserer Nachbarn angewiesen. Wir sind aber auch verpflichtet zur Zusammenarbeit und zu Beiträgen an die internationale Staatengemeinschaft, zur humanitären Hilfe und zur Entwicklungszusammenarbeit, um benachteiligten Menschen in wirtschaftlich schwachen Ländern Hilfe und Hoffnung zu sein. So ist es für mich selbstverständlich, dass wir die internationale Hilfe auch bei der Linderung der unermesslich grossen Not der Menschen nach dem katastrophalen Erdbeben in Haiti unterstützen.
Beim Übergang ins neue Jahr 2010 und beim Weltwirtschaftsforum Ende Januar 2010 in Davos war oft von Moral und Ethik die Rede – einmal mehr, und insbesondere angesichts der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Dabei wurde mir bewusst, dass die Begriffe „Moral und Ethik“ aus unterschiedlicher Sichtweise zur Rechtfertigung der jeweiligen Position verwendet werden, von Fundamentalisten und religiösen Eiferern genauso wie von liberalen Idealisten. In einem Zeitungsbericht werden Grundregeln beschrieben, die weder religiös noch ideologisch sind. Es geht um die vier Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mass halten.
Wenn ich diese vier Kardinaltugenden kurz erläutere, wissen wir alle, was damit gemeint ist. Auf Grund unserer geschichtlichen Herkunft gehören auch die drei christlichen Tugenden „Glaube, Hoffnung und Liebe“ dazu. Und wenn eine Gesellschaft diese Tugenden beachtet, vermeidet sie vorhersehbare Fehler, verhindert Streit, Verschwendung und Selbstmitleid. Das kennen wir aus langer menschlicher Erfahrung.
Klugheit ist die erste Kardinaltugend. Klugheit ist in der Politik bei allen Entscheidungen wichtig, d.h. wir dürfen nicht gedankenlos und unüberlegt oder übereilt handeln. Es stehen in unserem Land schwerwiegende, zukunfts-weisende Entscheidungen an und es ist mehr denn je wichtig, Erfahrungen zu beherzigen und guten Rat einzuholen. Wir sollen dabei auch klug zwischen kurzfristig und langfristig erfolgreichen Massnahmen abwägen: Bei der Weiterentwicklung des Steuerrechts und des Finanzplatzes, den Zukunftsaufgaben von Industrie und Gewerbe, aber auch beim Generationenvertrag und der Ausgestaltung der Sozialgesetzgebung unter Berücksichtigung der Benachteiligten und der Anforderungen einer guten Altersversorgung.
Bei der zweiten Grundtugend „Gerechtigkeit“ denke ich zuerst an unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen und an die extremen Unterschiede in unserer Welt. Die Bankenkrise hat auch in den reichen Ländern zu aussergewöhnlichen Problemen geführt. Wir sprechen von einer Finanz- und Wirtschaftskrise, die alle Staaten betrifft, aber unter der die armen Länder ganz besonders zu leiden haben. Wie es scheint, ist vielen Verantwortlichen in der Bankenwelt noch nicht bewusst, dass sie bei der Schaffung eines gerechteren Wirtschaftssystems mitwirken müssen.
Ich bin der Ansicht, dass in einer Gemeinschaft nicht jeder Bereich geregelt werden muss. Ein kreativer Handlungsspielraum, Eigeninitiative und Eigenverantwortung müssen unbedingt erhalten bleiben. So teile ich die Auffassung, dass eine Gemeinschaft, in der alles geregelt wäre, der Menschlichkeitentbehrteundnichtüberlebenkönnte.
In unser Land sind vor ein paar Monaten relativ viele Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea gekommen. Es steht unserem Land gut an, uns auch für diese Menschen einzusetzen. Dabei ist es verständlich, dass wir als kleines Land nur ein angemessenes Flüchtlings-Kontingent aufnehmen können. Vergessen wir aber nicht, wie schnell wir selber zu Ausländern werden können und Hilfe benötigen. In diesem Zusammenhang ist es mir ein Bedürfnis, den Verantwortlichen der Flüchtlingshilfe herzlich für ihren grossen Einsatz zur menschenwürdigen Betreuung der Flüchtlinge zu danken.
Tapferkeit, die dritte Kardinaltugend, ist in schwierigen Zeiten ebenfalls gefragt. Wir sind bequem geworden, viele Errungenschaften sind für uns so selbst-verständlich: Optimale Gesundheitsversorgung, gesicherte AHV und IV, moderne Alters- und Pflegeheime, gut funktionierende Familienhilfen, bestens eingerichtete Schulhäuser, Sportanlagen, Freizeitmöglichkeiten usw., usf.
Es braucht wohl Mut und Tapferkeit, wenn wir verlangen, dass wir in Zukunft etwas zurückstecken, uns vom totalen Luxus und Anspruchsdenken verabschieden. Ich bin überzeugt, dass wir mit mehr Gemeinsinn und Bescheidenheit die Lebensqualität nicht einbüssen. Lassen wir uns nicht entmutigen, jammern wir nicht, halten wir etwas aus und bleiben trotz allem zuversichtlich. Staat und Gemeinden sollen diesbezüglich mit gutem Beispiel vorausgehen.
Das führt uns zur vierten Kardinaltugend, Mass zu halten. Wir erlebten, wie diese Tugend in den letzten Jahren in verschiedener Hinsicht in Vergessenheit geraten ist. Die unermessliche Gier hat weltweit zu einer grossen Vertrauenskrise in die Finanzwelt geführt. Ich denke aber auch an die Zerstörung von Naturwerten und Landschaften, die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden. Die Erhaltung des biologischen Gleichgewichts erfordert Mass halten und Rücksicht nehmen auf die Grundlagen der Schöpfung.
Bei politischen Entscheidungen sind Mässigung und ein sorgfältiges Abwägen von ökonomischen, ökologischen und sozialen Kriterien notwendig. Wir müssen lernen, wieder bescheidener zu leben. Nehmen und Geben sollte sich in etwa die Waagschale halten. Freuen wir uns an dem, was wir haben und was gut ist. Gehen wir mit unseren Ressourcen sorgsam um und verschwenden sie nicht.
Wer oder was ist Liechtenstein?
Wir alle sind Liechtenstein, und all das, was ich in wenigen Worten auszudrücken versuchte, macht unser Land aus. Darauf dürfen wir stolz sein.
Aber gerade in unserer hektischen Zeit, wo alle das Gefühl haben, permanent online sein zu müssen, um nicht vom Zug der Zukunft abgehängt zu werden, ist die Besinnung auf die Grundwerte für unsere Gesellschaft entscheidend. Wenn wir wissen, was uns wichtig ist und was uns zusammenhält, verlieren wir nicht die Orientierung und können gemeinsam die grossen Zukunftsaufgaben lösen, in Freiheit und unter Beachtung der Menschenrechte. Das wünsche ich für unsere Arbeit und für unser Land im kommenden Jahr.
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